SENIORENEINRICHTUNGEN

"Mit Chorea Huntington nimmt dich nicht jedes Heim auf" -

Erfahrungen einer pflegenden Angehörigen

„Die Krankheit kann niemand aufhalten, aber er erfährt hier die beste Pflege“, berichtet Angelika Kielholz, deren Bruder an der vererbbaren Nervenkrankheit Chorea Huntington leidet und seit einem Jahr im Evangelischen Christophoruswerk im Bereich „Junge Pflege“ lebt. 

Die Krankheit zieht alle(s) in Mitleidenschaft

Doch nicht nur der Erkrankte selbst leidet, sondern auch sein Umfeld. Olafs Ehe ging kaputt, und das Leben spielte sich nur noch zwischen Arbeit, Alkohol und Fußball ab. Vor sieben Jahren erhielt Angelika Kielholz von Arbeitskollegen ihres Bruders einen besorgten Anruf. Olaf zeige verstärkte Verhaltensauffälligkeiten und werde immer unruhiger. Der Betriebsrat hatte sich eingeschaltet und für Olaf einen Termin beim Neurologen vereinbart. „Das habe ich noch nie erlebt, dass Arbeitskollegen sich so sehr um jemanden sorgen und einsetzen“, berichtet Angelika Kielholz. Sie begleitete ihren Bruder zum Arzt – der zunächst nichts feststellen konnte. Kein Wunder, denn Chorea Huntington ist vielen nicht bekannt. In einer Spezialklinik wurde eine eingehende Untersuchung gemacht, und es stellte sich heraus, dass Olaf tatsächlich an dieser Krankheit leidet. Dabei handelt es sich um eine Erbkrankheit, und schon sein Vater, andere Angehörige und Vorfahren litten darunter.

Rollstuhl

"Er drohte zu verwahrlosen"

Bei Dr. Lange, einem ausgewiesener Experten für Nervenkrankheiten in Dinslaken, der schon viele Jahre auf dem Gebiet forscht, kam Olaf zur Reha. Frau Kielholz wurde amtliche Betreuerin ihres Bruders und nahm sein Leben in die Hand. Olaf konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben, nicht mehr allein in seiner Wohnung leben, er drohte zu verwahrlosen. Olaf wehrte sich stark gegen alle Veränderungen, die Frau Kielholz einleitete. Er wollte seine Erkrankung und die damit einhergehenden Situationen nicht akzeptieren. Das Laufen fiel Olaf immer schwerer, er fiel oft hin, sein ungeliebter Rollator diente ihm als Stütze. Doch Angelika Kielholz setzte sich resolut durch – und schaffte es sogar, dass ihr Bruder vom Alkohol fern blieb. Zunächst löste Frau Kielholz die Wohnung auf, brachte ihn in einer barrierefreien Seniorenwohnung unter und sorgte dafür, dass er in einer Behindertenwerkstatt arbeitete, damit er beschäftigt war. In den sechs Jahren wurde er von einem ambulanten Pflegedienst intensiv betreut, zweimal in der Woche kümmerte sich eine Betreuungskraft um Olaf. Frau Kielholz organisierte sogar mehrere betreute Reisen für Olaf. „Ich habe alle Möglichkeiten ausgeschöpft“, berichtet sie. Die berufstätige Frau pendelte regelmäßig von Voerde nach Emmerich – eine einfache Fahrt dauert eine Stunde.

Spiel

"Kommen Sie vorbei, wir finden etwas"

Die Unruhe wurde stärker, die Krankheit schritt voran, Olaf verlor den Tag-Nacht-Rhythmus. Ihm gelang es nicht einmal mehr, sich das Essen in der Mikrowelle aufzuwärmen - und er konnte schließlich nicht länger in der Seniorenwohnung leben. An Informationen über Einrichtungen der „Jungen Pflege“ kam Frau Kielholz über die AOK heran. „Duisburg ist sehr gut und schnell für mich erreichbar. Ich rief dort an, und die Heimleiterin sagte zu mir: ‚Kommen Sie vorbei, wir finden eine Lösung für Ihren Bruder.‘ Man hat mir hier alles gezeigt und ich wurde gut beraten. In der Einrichtung weiß man mit der Krankheit umzugehen. Und ich wusste: Mit Chorea Huntington nimmt dich nicht jedes Heim auf. Diese bittere Erfahrung haben wir seinerzeit bei meinem Vater gemacht.“ Innerhalb von vier Wochen hatte Olaf einen Platz in der „Jungen Pflege“. Er nimmt so gut wie möglich an den Aktivitäten teil, die die Einrichtung bietet. Seine heiß geliebte Zeitungsgruppe verpasst er nie, und in seinem Wohnbereich gilt Olaf als ausgewiesener Fußball-Experte.

Fußball
Brücke

"Ich ziehe den Hut vor den Pflege- und Betreuungskräften"

„Ich weiß, dass Olaf hier gut aufgehoben ist. Die Krankheit kann niemand aufhalten, aber er erfährt hier die beste Pflege. Ich ziehe den Hut davor, was die Fachkräfte leisten!“. Über ihre persönliche Situation sagt sie heute: „Mir geht es sehr gut damit, ich bin erleichtert. Das war alles sehr nervenaufreibend. Und ohne die tolle Unterstützung meines Mannes und meiner Kinder hätte ich das alles nicht geschafft“.